Haben Enterprise Architekten einen Gott-Komplex?

Neulich beim Treffen mit einem Freund stand diese Frage plötzlich im Raum. Der Freund arbeitet bei AWS, leitet Boot Camps und verdingt sich ansonsten im Bereich Deep-Learning.

Nach seiner Meinung wollen die Enterprise Architekten alles im Vorfeld planen und später alles kontrollieren. Das kann man nicht verneinen, denn das ist es was Enterprise Architekten tun. Doch jeder (gute) Enterprise Architekt weiß auch, daß die Planbarkeit Grenzen hat.

Aber ich vermute es geht nicht nur um die Planung sondern auch um die „Schöpfungshöhe“.
Schon während des Studiums ist mir aufgefallen, daß sich viele Kommilitonen als Künstler fühlten. Vielleicht lag es daran, daß ich Musiker bin und in einer Band damals eigene Songs spielte, um zu erkennen, daß Informatik soviel mit Kunst zu tun hat, wie Machinenbau oder Elektrotechnik. Es liegt ein wenig Chauviniesmus in der Luft, wenn die IT sich als die künstlerische Ausnahmeerscheinung der Ingeniers-Diziplinen wähnt.

Alles eine Frage der Zeit.

Die „Nerds“ vor 100 Jahren haben die ersten Flugzeuge in den Himmel gebracht. Würdest Du heute eine Linienmaschinen besteigen, wenn diese ohne Planung und Kontrolle gebaut oder betrieben wird?
Die „Nerds“ vor 1.000 Jahren haben die ersten Kathedralen konstruiert und bauen lassen. Zur damaligen Zeit unglaublich komplexe und große Konstruktionen, die man heute noch bestaunt. Heute erstellen, bis auf einige Ausnahmen, namenlose Architekten größere, funktionalere und komplexere Gebäude. Halten sich dabei an Standards bei der Planung und Erstellung und kontrollieren den Baufortschritt.

Würde man den Gebäude-Architekten und Flugzeug-Ingenieuren von heute einen Gott-Komplex unterstellen? Ich denke, daß man in einigen Jahren oder Jahrzehnten eher verwundert ist, wie man „digitale Kathedralen“ ohne Planung und Prüfung bauen konnte.

Enterprise Architekten sollten deshalb aber keinen Gott-Komplex haben oder ausbilden. Es ist eben nicht alles im Detail planbar. Mut zur Lücke ist gefragt. Aktuelle Praktiken haben das längst partizipiert und können mittels Interationen und agilen Prozessen mit einer guten Portion anfänglicher Ungewissheit umgehen. Umgekehrt sollte man als „IT Künstler“ keine Angst oder Feindseligkeiten ausprägen. Die IT-Industrie folgt hier nur einer Entwicklung, welche andere Industrien schon vollzogen haben.

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